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Was passiert bei einem Unfall im Turnverein?

07.09.2015 06:42

SportunfallStefanie Rohr, Rechtsanwältin

Der Besuch eines örtlichen Turnvereins bringt meist viel Freude. Die Bewegung tut gut und die Geselligkeit macht die Anstrengung angenehm. Kleinere Stürze oder Verletzungen werden von den Vereinsmitgliedern meist ohne weiteres in Kauf genommen und gehören zum Alltag eines Sportlers. Wie verhält es sich aber, wenn es sich nicht mehr um einen kleinen Unfall handelt? Müssen der Verein oder die Vereinsmitglieder für eine Haftung aufkommen?

Bei einem Sportunfall wie dem oben beschriebenen ist die Haftung des Vereins meist eine sekundäre Frage. Denn die meisten Vereinsmitglieder werden in einem unselbstständigen Anstellungsverhältnis sein und Sportunfälle sind dann über die Unfallversicherung des Arbeitgebers gedeckt. Die Kosten der medizinischen Behandlung und Therapien werden daher meist von einer Versicherung übernommen.

Die Frage der Vereinshaftung stellt sich daher meist erst, wenn es sich um einen gröberen Unfall handelt und eine vollständige Genesung des Verunfallten nicht mehr möglich ist. Die geschädigte Person kann dann beispielsweise Haftungsansprüche für die von ihm bezahlten Krankenkassenselbstbehalte und Franchisen, Wegkosten für Therapien, allfällige Lohnausfallkosten und, bei schlimmen Verletzungen, eine Genugtuung fordern.

Der Verein sieht sich nun mit der Frage konfrontiert, ob und falls ja, wer im Verein für den Sportunfall haftbar ist. Damit eine Haftung begründet werden kann, muss immer ein Schaden in Form einer finanziellen Einbusse (Schadenersatz) oder eines qualifizierten seelischen Schmerzes (Genugtuung) entstanden sein, es muss eine Pflichtverletzung des Vereins beziehungsweise dessen Vorstand vorliegen und der Schaden muss durch eine Pflichtverletzung oder Unterlassung bewirkt worden sein (sogenannter Kausalzusammenhang). Zuletzt muss noch ein Verschulden vorliegen. Nur wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, ist eine Haftung gegeben. Dass alle Voraussetzungen erfüllt sind, muss von der geschädigten Person bewiesen werden.

Angenommen, alle Haftungsvoraussetzungen sind bei einem Sportunfall erfüllt, stellt sich die Frage, wer in die Pflicht genommen wird. Ob eine Vereinstätigkeit ehrenamtlich oder gegen Bezahlung erfolgt, hat in Bezug auf die Frage der grundsätzlichen Belangbarkeit keinen Einfluss. Die unentgeltliche Tätigkeit wird aber allenfalls bei der Festsetzung der Höhe des Schadenersatzes berücksichtigt. Der Verein beziehungsweise dessen Vorstand wird immer dann zur Verantwortung gezogen, wenn man ihm ein fahrlässiges Verhalten vorwerfen kann. Wurden beim betreffenden Unfall beispielsweise grundlegende Sicherheitsvoraussetzungen nicht beachtet, so ist dies fahrlässig. Als Beispiel sei das Trainieren von Saltos ohne Matte oder bei unerfahrenen Trainierenden ohne Person, welche Hilfestellung leistet, erwähnt. Verletzt sich hier eine Person beim Salto und fällt auf den harten Boden, ist der Verein für alles schadenersatzpflichtig, was nicht über die Unfallversicherung gedeckt ist. Denn wer einen gefährlichen Zustand schafft, hat dafür zu sorgen, dass alle gebotenen Sicherheitsvorkehrungen zur Abwendung eines Schadens getroffen werden.

Die Mitglieder des Vorstands haften aber meist nicht persönlich. Nach Art. 75a ZGB haftet bei einem Schaden der Verein nur mit dem Vereinsvermögen. Sofern das Vereinsvermögen zur Deckung des Schadens nicht ausreicht, besteht auch keine Nachschusspflicht der Vereinsmitglieder und die geschädigte Person bleibt auf einem Teil des Schadens sitzen.

Bei gefährlichen Sportarten oder grösseren Veranstaltungen kann es sich lohnen, eine Betriebshaftpflichtversicherung für den Verein oder eine Veranstaltungshaftpflichtversicherung für einen bestimmten Anlass abzuschliessen. Vereine sollten vor einem Abschluss jedoch überprüfen, ob sie nicht bereits über einen Dachverband versichert sind, um eine unnötige Doppelversicherung auszuschliessen.

Am besten lässt sich der Verein bei der Ausgestaltung der Statuten und der Prüfung der Versicherungsfragen von einem fachkundigen Anwalt oder Anwältin oder einem Versicherungsberater beraten.

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